„Webers Musik ist sehr bildhaft“


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Carl Maria von Webers Musik hat einst Richard Wagner so fasziniert, dass sie ihm den entscheidenden Impuls geliefert hat, selbst Komponist zu werden. Und später hat Wagner den Leichnam seines verehrten Vorbilds von London nach Dresden überführen lassen. Was macht das Unverwechselbare von Carl Maria von Weber aus?

 

Oksana Lyniv  Webers Musik ist sehr bildhaft. Wenn ich die musikalischen Nummern höre, regt sich sofort meine Phantasie. Die Musik lässt im Kopf der Zuhörer sofort Bilder entstehen – egal, ob man „Oberon“ szenisch sieht oder nicht. Seine instrumentale Musik hat das Theatralische in sich, die Musik erzählt und verkörpert die Handlung selbst. Mich beeindruckt auch, dass diese wunderschöne Märchenwelt der Oper in einer Zeit entstanden ist, in der der Komponist schon schwer krank war. Er war sich selbst schon bewusst, dass er vor seinem Tod nicht mehr viel erschaffen würde. Dieser Kontrast zwischen seiner unheilbaren Krankheit und dieser wunderschönen, mythischen Musik, die er hier entstehen lässt und in der er die menschlichen Gefühle noch einmal idealisiert darstellt, illustriert für mich das Geheimnis der Inspiration und des Schaffensprozesses.

 

Was ist das Perfekte am „Oberon“, und was das Herausfordernde?

 

Oksana Lyniv  Zuerst muss man sagen, dass Weber eine perfekte Musik komponiert hat, das Problem des Stückes ist mehr die musikalische Dramaturgie, die nach „Freischütz“ sehr fragmentarisch wirkt. Es gibt zu große Sprünge. Die Musik ist vergleichbar mit einem Märchenbuch, in dem man den Text liest und dazu einzelne, bunte Bilder betrachtet. Genauso hat Weber in „Oberon“ einige geniale, farbige Bilder geschaffen, zwischen denen aber, wenn man die gesamte Erzählung betrachtet, fast zu große Abstände liegen. Bei sehr wenigen musikalischen Nummern passieren die Ereignisse der Geschichte direkt in der Musik. Die meisten Nummern beschreiben lediglich ein Fragment der Handlung, die Geschichte wird nicht in größere Szenen zusammengefasst.

 

Im 19. Jahrhundert war „Oberon“ eine viel gespielte Oper, und erst im 20. Jahrhundert verblasste der Erfolg des Werkes neben dem „Freischütz“ merklich. Was lohnt am Beginn des 21. Jahrhunderts die Beschäftigung mit einem Werk, das sich stilistisch so überhaupt nicht einordnen lässt?

 

Oksana Lyniv  Ich glaube, das Stück geriet im 20. Jahrhundert deshalb in Vergessenheit, weil das Märchenhafte, die Feenwelt der Geschichte nicht dem Zeitgeist entsprach. Die Handlung ging zu wenig in die Tiefe, war zu wenig psychoanalytisch. Verschiedene Komponisten haben ja versucht, neue Fassungen zu erstellen, um Musik und Text besser zu verknüpfen, etwa, indem sie den Text mit hinzugefügten musikalischen Zwischenspielen melodramatisch untermalten. Für uns im 21. Jahrhundert, in dem wir die Tendenz haben, jede musikalische Epoche aus der Perspektive ihrer Zeit heraus zu betrachten, ist „Oberon“ aber wieder interessant geworden.

Für den Zuhörer ist das Stück auf jeden Fall wert, gehört zu werden! Vom ersten Ton der Ouverture an, von einer Nummer zur nächsten, ist das absolut geniale Musik, die in ihrer Art einzigartig ist. Weber zieht uns sofort in diese Märchenwelt hinein. Es ist einfach ein wahrer Genuss, das zu hören.

 

Orient und Okzident, die Welt der Geister und die Gefahren des Meeres – wie gelingt es Weber, all diese unterschiedlichen Sphären uns so plastisch hörbar zu machen?

 

Oksana Lyniv  Webers Musik ist sehr bildhaft. In der Musik baut er drei verschiedene Welten auf. Die eine ist ein von Elfen und Feen bewohnter und überwachter Zauberwald, die Welt von König Oberon und seiner Gemahlin. Weber macht das Zauberhafte sofort durch geniale Instrumentenkombinationen hörbar – die übrigens viele spätere Komponisten, etwa Felix Mendelssohn Bartholdy, inspiriert haben. Die zweite Welt ist die Welt der deutschen Ritter, charakterisiert durch bestimmte rhythmische Strukturen und Motive. Hier wird die Musik gleich sehr heroisch und dramatisch. Genial ist natürlich das Bild des Gewitters über dem Ozean. Als ich das zum ersten Mal gehört habe, musste ich gleich an Wagners „Der fliegende Holländer“ denken! Man merkt hier sofort die Parallelen beziehungsweise, was Wagner an Weber besonders geschätzt hat. Die dritte Welt ist jene des Orients. Dafür verwendete Weber sogar zwei originale Melodie-Zitate aus der türkischen und der arabischen Musik. Außerdem schreibt er eine Bühnenmusik vor, die Janitscharenmusik spielt.