Ragtime – die Rolle des Immigranten Tateh 


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Als meine Frau im Kindbett stirbt, beschließe ich, Lettland zu verlassen, um nach Amerika aufzubrechen. Es sollte eine lange Reise, eine harte Reise werden. Meine Tochter war das einzige, was mir geblieben ist, doch ich war mir sicher, dass ich es gemeinsam mit ihr schaffen würde, denn von nun an sollte Amerika unser neues Zuhause, unser neues Shtetl sein. Mit Scherenschnitten versuche ich, mich durchzubringen, doch was ich in den stinkenden Mietskasernen an der Lower East Side von New York an Dreck und Elend zu sehen bekomme, ist schlimmer als alles, weswegen ich meine Heimat verlassen habe. Menschenunwürdig ist die Arbeit an der Webmaschine, denn für 84 Stunden Arbeit pro Woche beträgt mein Lohn gerade einmal vier Dollar. Meine Tochter muss vor Kälte zittern, denn es gibt keine Heizung und nur die Würmer im Abfall zu essen. Und doch werde ich mich den Fabriksbesitzern nicht beugen, sondern vielmehr auf ihren Gräbern tanzen!

Als es zu Arbeiteraufständen kommt, muss ich meine Tochter in Sicherheit bringen. Ich beschließe, sie in einem koscheren Heim in Philadelphia unterzubringen und schenke ihr, damit ihr der Abschied nicht so schwer fällt, ein selbstgebasteltes Daumenkino. Als ein Passant bereit ist, mir das Daumenkino für einen Dollar abzukaufen, bahnt sich mein Glück an. Denn mit diesem Geld kann ich für meine Tochter und mich ein sauberes Bett und ein heißes Bad bezahlen. Das nächste Kinobuch verkaufe ich für zwei Dollar, und alle, alle werden eines haben wolle. Nun ist es nur mehr ein Schritt, bis sich meine Bilder nicht mehr in den Händen, sondern auf der Leinwand bewegen, denn ich werde erfolgreicher Stummfilm-Regisseur. Ständig beschwöre ich neue Abenteuer, Gesichter und Nervenkitzel herauf. Einst ein mittelloser, jüdischer Einwanderer, verwende ich meine Kamera dazu, um meiner Tochter die Erinnerungen an die Mietskasernengerüche und die schmutzige Einwandererstraßen zu vertreiben. Ich will ihr Licht, Sonne und den frischen Meereswind kaufen, bis an das Ende ihres Lebens.

Als der Gatte jener Frau, der ich zum ersten Mal auf einem Bahnhof begegnet bin, im Weltkrieg fällt und sie ihr Trauerjahr überwunden hat, mache ich ihr einen Heiratsantrag. Ohne zu zögern nimmt sie ihn an.