Nachgefragt bei Maximilian von Mayenburg 


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Bernd Krispin: Wenngleich es auch die Sicht Rossinis auf die Figuren ist, so sind dem Musikfreund Figaro, der Barbier von Sevilla, Graf Almaviva, Doktor Bartolo und dessen Mündel Rosina, die Haushälterin Marcellina und der intrigante Basilio vertraut. Was ist mit den Figuren passiert, nachdem sie Sevilla verlassen hatten, um dem Grafen auf sein Schloss zu folgen?

 

Maximilian von Mayenburg: Die meisten Protagonisten suchen immer noch nach einem Weg nach oben, mit Ausnahme derer, die bereits dort angekommen sind: Für Rosina, inzwischen Gräfin, ist dieser Ort ein Gefängnis. Aus der lebenslustigen jungen Frau ist eine erwachsene Melancholikerin geworden, die vom Graf nicht mehr begehrt wird und hilflos seinen Eskapaden mit anderen Frauen zusehen muss. Figaro hat sich inzwischen ganz dem opportunistischen Dienst am Adel verschrieben, sein Handwerk hat er aufgegeben und zieht ins Schloss des Grafen. Bis sich schließlich herausstellt, dass er selbst von höherer Abstammung ist. Einzig Susanna und Marcellina entstammen nicht der noblen Gesellschaft und kämpfen daher auch um den Aufstieg per Heirat.

Eine direkte Verbindung zum „Barbier“ schaffen vor allem die Figuren des Doktor Bartolo, der auf Rache sinnt, sowie Basilio, der immer noch mit dem Streuen von Gerüchten beschäftigt ist. Marcellina sorgt vor allem dafür, dass die Hochzeit von Figaro und Susanna permanent auf der Kippe steht. Bis sich das Problem schließlich auf pikante und komödiantische Weise löst, denn Bartolo und Marcellina entpuppen sich als Figaros Eltern.

 

Bernd Krispin: Das Rollenverzeichnis umfasst vom Grafenpaar bis zu den Bauern und Dienern im Chor sämtliche Stände, und ganz junge Menschen wie Barbarina stehen neben älteren wie Antonio, der in seinem Leben schon viel gesehen hat. Wo kommt dieser Mikrokosmos der Figuren und Lebenserfahrungen zusammen?

 

Maximilian von Mayenburg: Tatsächlich halte ich den Ort für ausgesprochen zentral und entscheidend. Das Schloss als alleiniger Spielort ist eine geniale Wahl von Da Ponte. Ein von den anderen Ständen und dem Rest der Menschheit abgesonderter Ort – ein geschlossenes System, in dem die Protagonisten sich um sich selbst drehen können.

Die Folgen all der Entscheidungen, die hier getroffen werden, kommen draußen zum Tragen. Umgekehrt kommen Dinge von außerhalb wie die Armut der Bevölkerung, gesellschaftliche Umstürze und Kriege (wie der, in den Cherubino geschickt werden soll) nur in gefilterter Form in dieser geschlossenen Gesellschaft an. Heutzutage würde man wohl von einer Filterblase sprechen. Wenn diese Blase schließlich platzt, ist es zu spät. Jeder, der sich am Morgen nach einem Wahlabend verwundert die Augen gerieben hat, weil er in einer veränderten Welt aufgewacht ist, kennt dieses Gefühl.

 

Bernd Krispin: Wie lässt sich der Lauf der Zeit, dem die Figuren unterworfen sind, augenscheinlich darstellen?

 

Maximilian von Mayenburg: Der Titel bei Beaumarchais lautet „Der tolle Tag“. Die Idee ist also, dass sich die ganze Handlung in schwindelerregendem Tempo an einem einzigen Tag abspielt. Dem versuchen wir auch in unserer Inszenierung Rechnung zu tragen. Wir beginnen am hoffnungsvollen frühen Morgen, taumeln mit den Protagonisten ins Chaos der Gefühle und enden im Dunkel der Nacht. Besonders letztere spielt eine zentrale Rolle – in ihr verwischen Gestalten und Identitäten, Traum und Wirklichkeit. Wobei jedem Traum natürlich auch ein Erwachen folgen muss.