Grenzgängerin Salome


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Welche Frauenfigur, die du bereits selbst verkörpert hast, hat Ähnlichkeit mit Salome, könnte vielleicht eine Schwester im Geiste sein?

Ich sang die Judith in Emil Nikolaus von Rezniceks „Holofernes“, mit einem vergleichbaren geographischen und biblischen Hintergrund. Wie Strauss das Drama von Oscar Wilde als Operneinakter verfasste, so hat Reznicek für seinen Zweiakter Hebbels erstes Drama verkürzt und musikalisch komprimiert. Holofernes, ein syrischer Feldherr, belagert die Stadt Betulia. Judith geht in das Lager und wird von Holofernes eingeladen. Sie macht ihn mit Wein betrunken, und nach einer Liebesnacht enthauptet sie ihn. Judith wird durch ihre Tat paralysiert, sie erstarrt vor der Möglichkeit, einen Sohn des Holofernes zu gebären und es wird ihr klar, dass sie über die Grenzen hinaus gegangen ist. Nur fordert sie selbst auf, sich zu töten. Alles eben gedreht. Auch bei Reznicek gibt es einen Tanz, der in seiner musikalischen Struktur deutlich an den „Tanz der sieben Schleier erinnert“. Von Rezniceks kompositorische Fähigkeiten, hat Strauss gesagt: „der Reznicek kann mehr als wir alle“. In einer Kooperation mit SWR und WDR hat Deutschlandradio Kultur die Produktion mitgeschnitten und es soll bei cpo auf CD erscheinen. Judith ist Salomes Schwester …

 

Mit Hilfe welcher Bilder, Farben, Tönen kann man Salome beschreiben?

Salome wird von Narraboth als seltsam, wie einen verirrte Taube beschrieben. Die Page vergleicht sie mit einer Frau, die tot ist. Herodes sagt, dass Salome krank ist zu Tode. Strauss macht uns musikalisch ganz klar, dass Salome sehr unstet ist, sie singt ständig über die Taktlinien hinweg, sie gehört einer exzentrischen Welt an. Salome ist eine besonders vielfältige Figur und auch eine ganz außergewöhnliche Partie mit großem interpretatorischen Spielraum.

 

Was löste die Musik in dir aus?

Die Musik ist voll Dissonanz, expressionistischen Höhepunkten und überraschender Wendungen. Das passt genau zu den äußeren Grenzen der menschlichen Psychologie – wozu diese Musik, meiner Meinung nach, einen direkten Zugang hat. Alles in Salomes Welt sind außergewöhnliche Extreme … in einem Moment hören wir atemberaubend schöne Musik … ein Wimpernschlag später befindet sie sich dann wieder in einem großen schwarzen Loch … In dem Schlussmonolog hören wir Cis-Dur, und hat man das Gefühl, sie sei angekommen. Damit wird Schönheit und Grausamkeit vereinigt.

 

Was tust du zwischen den Proben, um den Wahnsinn der Rolle hinter dir lassen zu können?

Ich mache lange Spaziergänge. Am Fluss lass ich alles von mir ab.

 

Ein Satz, ein Moment, der dich besonders in seinen Bann zieht?

Zwei: „Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes“. Das ist der Moment, in welchem Salome endlich selbst etwas spürt, aber sie hat es schon kaputt gemacht. Und ich liebe den Satz „… und wenn ich dich ansah, hörte ich geheimnisvolle Musik.”

 

Wenn du Richard Strauss eine Sache fragen könntest, welche wäre es?

Es wäre unmöglich, nur eine Frage zu stellen. Ich denke, ich würde ihn mit all meinen Fragen verrückt machen … es kann auch sein, dass er nicht mehr als eine Frage toleriert hätte …

 

Welchen Rat würdest du deinem 16jährigen Ich geben?

es hat keinen Sinn. Mein 16jähriges Ich würde keinen Rat annehmen, auch nicht von mir selber.