Es fällt schwer, sich nicht zu bewegen!


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Regisseur Rainer Vierlinger im Gespräch mit Dramaturgin Marlene Hahn über Leidenschaft, Großstadt-Fieber und Tango!

 

Ein Satz, ein Moment, eine Begegnung, die dir in der Vorbereitungs-, Probenzeit besonders unter die Haut ging?

Der Moment als ich vor etwa eineinhalb Jahren zum ersten Mal mitten in den Kasematten stand: Was, hier? Wow! – und: Oh Gott!

Und … „Aus dem endlosen Grau des Vorgestern erinnere ich mich nicht an mehr als an jenes grausame Mysterium, das zu mir schrie: ,Komm ans Licht!’ Und als ich ins Leben trat, lachte es. Und endlich, als es mich so sah, so endgültig und so ich, schrie es fürchterlich: ,Stirb!’“ (María, Bild 13)

 

Welches Gefühl verbindest du mit Buenos Aires?

Ich muss leider gestehen, ich war noch nie dort. Vor ein paar Jahren hätte ich im Teatro Colón eine Händel-Oper neu einstudieren sollen – daraus wurde leider nichts. Somit bleibt vorerst alles auf der Vorstellungsebene: kultureller Schmelztiegel, soziale Gegensätze, Lebensintensität. „Tango“, sagt Horacio Ferrer, „ist die buenarensische Art, sich den existenziellen Fragen des Lebens zu stellen“. Ich habe mir fest vorgenommen, diesem Lebensgefühl bald selbst vor Ort nachzuspüren.

 

Beende bitte die folgenden Sätze:

María ist … der personifizierte Tango-Mythos, die Tangofigur schlechthin, aber Piazzolla und Ferrer reichern ihre Geschichte mit neuen, modernen Aspekten an, die ihr über Buenos Aires und den Tango hinaus Gültigkeit und gesellschaftskritische Relevanz verleihen.

María träumt … von einem besseren Leben als dem ihrer trist-traurigen Kindheit und macht sich mutig, vielleicht auch naiv, auf den Weg …

María fürchtet … nichts.

María bleibt … sich selbst treu, auch wenn ihr Lebensweg sie vom Mädchen aus einfachen Verhältnissen über den gefeierten Tangostar bis in den totalen Absturz und in eine surreale Zwischenwelt führt …

 

Gibt es ein Buch, das dich auf dem Weg zu „María de Buenos Aires“ begleitet, inspiriert hat?

Neben dem Libretto-Text selbst, dessen Poesie einen mit jedem Lesen erneut staunen aber auch etwas ratlos macht, war das eine musikwissenschaftliche Dissertation über „María“ von Sonja Alejandra Lopez. Erst diese umfassende Werkanalyse gab mir als Novize des Phänomens Tango die nötige Basis, von der aus ich mich, gemeinsam mit meiner Ausstatterin Vibeke Andersen, kreativ auf den Weg machen konnte.

Was geht in dir vor, wenn du die Musik von Astor Piazzolla hörst?

Erst mal das, wogegen sich wohl kaum jemand wehren kann: diese Musik fährt direkt in Bauch und Glieder – und ins Gemüt; da kommen unweigerlich Bilder, wenn auch vielfach klischeehafte; da fällt es schwer, sich nicht zu bewegen. Wenn man sich dann intensiver damit beschäftigt, kommt eine unglaublich dichte und gekonnt gebaute Musiksprache im Schnittpunkt von Tango, Klassik und Jazz zum Vorschein. Piazzolla hat alle drei musikalischen Welten ausführlich studiert und in ihrer Verschmelzung liegen für mich der besondere Reiz und die Qualität seiner Musik.

 

Was würdest du Astor Piazzolla oder Horacio Ferrer bei einem Glas Bier fragen?

Ich würde mir bei einem Glas Bier von ihnen erzählen lassen, wie das war vor exakt fünfzig Jahren, als in wenigen konzentrierten Wochen das Werk entstand. Oder noch besser: ich hätte ihnen dabei gerne live über die Schulter geschaut. Das muss – für beide nach vorausgegangener Arbeitskrise – ein intensives, glückhaftes Erlebnis, ein Schaffensrausch gewesen sein; vermutlich haben sie gespürt, dass sie gerade etwas Besonderes erschaffen …