Ein echter Affekt der Zuneigung 


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Die musikalische Leiterin Susanne Scholz und die Regisseurin Annette Wolf haben sich mit dem Dramaturgen Bernd Krispin darüber ausgetauscht, wie eine Mann/Frau-Beziehung über die Sprachgrenzen hinweg in einem Museum umzusetzen ist, sodass sie uns auch heute noch erheitern kann.

 

„La serva padrona“ wurde 1733 zwischen den Akten der tragischen, ebenfalls von Pergolesi komponierten Oper „Il prigionier superbo“ als heiteres Zwischenspiel uraufgeführt. Was aber ist denn so heiter an einer Geschichte, in welcher der Dienstherr Uberto von seiner eigenen Magd Serpina so lange drangsaliert und hinters Licht geführt wird, bis er sie endlich heiratet?

Annette Wolf  Nicht nur er wird drangsaliert, er drangsaliert auch. Der Umstand, dass die Dienerin mit dem Hausherrn die Rollen tauschen will und er dem relativ wenig entgegensetzen kann – außer seinem Status –, birgt eine gewisse Komik. Ich glaube, dass wir Menschen generell Freude daran empfinden, wenn jemand, der ausschließlich aufgrund seiner Herkunft andere herumkommandiert, einen Dämpfer erfährt. Vor allem wenn, wie in unserem Fall, seine Gegenspielerin eine vermeintlich schwache Frau ist, die ihr Schicksal tatkräftig selbst in die Hand nimmt.

Susanne Scholz  Ich sehe zuerst den historischen Kontext: In der Opera seria der Zeit mit ihren langen Da-Capo-Arien, die von der „virtù“, also den Tugenden der Herrscher und antiken Göttern erzählen, war für die Sorgen und Probleme der weniger hoch Geborenen kein Platz – erst die Aufklärung und die aufziehende Gedankenwelt der Französischen Revolution im Laufe des 18. Jahrhunderts machten diese Themen für die Oper salonfähig. Sie als Intermezzo, als Zwischenspiel von der Straße auf die Bühne zu bringen, hatte demnach eine besondere Wirkung und ist anscheinend sehr gut angekommen. „La serva padrona“ wurde in kürzester Zeit hochberühmt und vollführte auch außerhalb Italiens einen wahren Siegeszug. In Graz gab es die erste Aufführung bereits sechs Jahre nach der Uraufführung.

Folglich müssten wir, um das Intermezzo in seiner Urform genießen und uns daran wie anno dazumal amüsieren zu können, um dieses herum eine mindestens dreistündige Opera seria aufführen. Aber auch so bietet das Werk eine pointierte Darstellung einer Mann/Frau-Beziehung, die uns heute wieder herzhaft zum Lachen bringen kann!

 

Was ist zu bedenken, will man eine Oper, und sei sich auch noch so kurz, in einem Museum aufführen?

Annette Wolf  Unsere Kunstform ist, vergleichbar mit der bildenden Kunst, eine mit langer Tradition, und wirkt auf viele Menschen antiquiert, umso entscheidender ist es, sie lebendig werden zu lassen und nicht zu konservieren.

Susanne Scholz  Spannende Räume, wie die ehemalige Eingangshalle des Joanneums, zu bespielen, ist durch die räumlichen und akustischen Gegebenheiten eine große Herausforderung. Aber gerade diese scheinbaren Hürden können Akteure wie Publikum besonders inspirieren. Wir greifen das im Orchester auf und verteilen uns ebenso wie das Publikum auf mehrere Plätze – jede Zuschauerin und jeder Zuschauer bekommt also ein ganz individuelles Spektakel geboten!

Annette Wolf  Da müssen alle ein bisschen zusammenrücken.

 

Für welchen Kunstgriff haben Sie sich entschieden, damit das deutschsprachige Publikum der italienisch gesungenen Handlung folgen kann an einem Aufführungsort, an dem Übertitel nicht möglich sind?

Annette Wolf  Wir haben uns für eine Form entschieden, in der anstelle der Rezitative die Dialoge auf Deutsch gesprochen und die Arien auf Italienisch gesungen werden, sodass alle Besucher der Geschichte folgen können.

 

Und als musikalische Leiterin, schmerzt Sie da nicht der Verzicht auf ein Gutteil der Musik?

Susanne Scholz  Ja, Rezitative gelungen aufzuführen, ist tatsächlich etwas Wunderbares – diese Zwischenform von gesprochener Prosa und der erhöhten gesungenen Sprache einer Arie! Andererseits ist es auch verlockend, allen Zuhörern und Zuhörerinnen den Text restlos verständlich darzubieten. Ich bin froh, dass wir einen guten Übergang gefunden haben für den Moment im Stück, in der das gesungene Italienisch und das gesprochene Deutsch direkt aufeinandertreffen: Vor seiner zweiter Arie singt Uberto ein Accompagnato-Rezitativ – hier haben wir entschieden, seine Zweifel in diesem Rezitativ, von einer vertonten Frage des Orchesters umspielt, gesprochen zu lassen; der andere, entschlossene Affekt Ubertos hingegen wird von ihm auf Italienisch gesungen. Auf diese Weise verdeutlicht unsere Version den Zwiespalt unseres Helden, der sich nicht entscheiden kann, ob er oder ob er nun nicht Serpina heiraten will, kann und soll.

 

Was ist’s, das die beiden Protagonisten aneinanderbindet? Eine Zweckgemeinschaft? Oder Zuneigung? Oder vielleicht doch gar Liebe?

Annette Wolf  Von allem etwas. Man hat sich arrangiert, Rollen wurden gelebt und akzeptiert, und immer schwingt ein bisschen Sehnsucht mit. Ob füreinander, oder gegen die Einsamkeit, ist so eindeutig nicht zu beantworten.

Susanne Scholz  Die Geschichten des frühen 18. Jahrhunderts sind noch unberührt von der romantischen Liebe. Eine Zweckgemeinschaft war sicher nicht so unerwünscht, wie es uns erscheinen mag. Und es änderte nichts an dem oft freizügigen Lebensstil. In jedem Fall lässt uns das Stück Freiraum für unsere eigene Interpretation – im zweiten Teil, zum Beispiel in Serpinas zweiter Arie, lässt die Musik einen echten Affekt der Zuneigung vermuten. Oder nicht?