Ein besonderer Ort mit besonderen Gästen


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Dramaturg Bernd Krispin hat sich mit Regisseur Bernd Mottl anlässlich der Grazer Erstaufführung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ über das Besondere der Figuren, aber auch über das Europäische des Stücks unterhalten.

Rossini hat „Il viaggio a Reims“ für einen sehr speziellen, sehr konkreten Anlass komponiert – für die Feierlichkeiten anlässlich der Krönung von Karl X. Seit der Uraufführung sind knapp 200 Jahre vergangen, eine Königskrönung steht nicht an. Was macht den Reiz des Werks aus, losgelöst von seiner eigentlichen Intention?

Bernd Mottl  Erst einmal handelt es sich um großartige, hoch virtuose Musik. Davon gibt es in diesem Stück eine ganze Menge im Vergleich zur knappen Handlung. Dieses Missverhältnis eröffnet jedem Regisseur eine Reihe von Optionen. Das Stück wurde ja schon im Altenheim, am Flughafen oder im Museum verortet. Ich wollte eine Lösung, die nicht im Widerspruch zum Text steht und trotzdem viele komödiantische Möglichkeiten eröffnet. Die motorische Energie der Musik schlüssig in Situationen und in eine Körperlichkeit für jede dieser exzentrischen Figuren zu übersetzen, das ist hier die reizvolle Aufgabe.

Und dann ist da natürlich das Thema Europa. Welche andere Oper bietet das? Ein Panoptikum von Individualisten aus unterschiedlichen Nationen, die sich darüber zusammenfinden, dass sie Lieder aus ihrer Heimat vorstellen und dafür von allen gefeiert werden. Rossini war ein Visionär. Er glaubte an die verbindende Kraft der Musik, schon weit vor dem Eurovision Song Contest.

 

Das Kurhotel „Zur Goldenen Lilie“ ist ein besonderer Ort mit ganz besonderen Gästen aus den verschiedensten Nationen. Was macht den Charme der internationalen Reisegesellschaft aus?

Bernd Mottl  Es sind Sänger auf dem Weg zu einem gemeinsamen Auftritt, bei dem sie leider nie ankommen. Alle diese sensiblen Einzelkämpfer pflegen exaltierte Eigenschaften und Vorlieben. Ihr Blick hat sich auf die eigene Sinnsuche fokussiert. Jeder möchte sich zunächst von den übrigen Gästen deutlich abgrenzen. Und so treiben die Verschrobenheiten Blüten, und die Figuren verlieren den Bezug zur Wirklichkeit. Es sind Menschen, die sich eher in der theatralisch affektbeladenen Welt der Bühne zuhause fühlen als in der schnöden Realität.

 

Eine Gesellschaft, die an einem Ort versammelt ist und dem sie auch nicht entkommen, ist ein vor allem in der Krimiliteratur häufiger anzufindendes Stilmittel, man denke beispielsweise an Agatha Christies „Mord im Orient-Express“. Gibt es für unsere Reisegesellschaft eigentlich die Möglichkeit, je wieder die mondäne Anstalt zu verlassen?

Bernd Mottl  Ich fürchte nein. Zumindest nicht, wenn es nach dem Willen von Maddalena geht. Die kunstfeindliche Hausdame versucht, im Verbund mit dem Koch Antonio, ihren Machtanspruch auszuleben und die versponnene Sängerbagage los zu werden, ein für alle Mal. Aber sollte ihr Vorhaben scheitern, ist immer noch nicht sicher, ob die Hoffnung unserer Freunde nach Befreiung jemals Realität wird, oder ob sie nicht einfach Gefangene ihrer Psyche sind.

 

Das große Ziel der Protagonisten – der Königskrönung beizuwohnen – ist deswegen nicht durchführbar, weil einfach keine Pferde für die Kutsche aufzutreiben sind und sie vor Ort bleiben müssen. Ist es da nicht ein Widerspruch, dass Rossini die Figuren mit großer, motorischer Energie überströmt?

Bernd Mottl  Eigentlich ja. Aber die Situation funktioniert wie ein Schnellkochtopf. Wenn der Deckel erstmal drauf ist, schmort man im eigenen Saft umso rasanter. Der Innendruck steigt, der Blick über den Tellerrand wird unmöglich. Die Figuren sind ja innerlich beteiligt, weil sie von unerfüllten Sehnsüchten an den Rand des Wahnsinns getrieben werden. Und wes das Herz voll ist, des quillt bekanntlich der Mund über. So begründet sich für mich die Hysterie in dem Stück. Diese Menschen arbeiten sich aneinander ab, weil es gar nicht anders geht. Das entspricht ja mitunter auch unserer globalen Lebenssituation. Wir müssen letztlich miteinander auskommen auf diesem Planeten, sonst fliegt uns alles um die Ohren.

 

„Il viaggio a Reims“ mündet in eine große Huldigung an Karl X. Dieser Monarch hat nur sechs Jahre regiert, war reaktionär und im Grunde unbedeutend. Wer ist in Ihrer Inszenierung der Quell der Inspiration für Corinna?

Bernd Mottl  Ich musste gleich an den Mythos von der Gründung unseres Kontinents denken, also die Geschichte von Europa und dem Stier. Corinnas Anhimmelung des Königs klingt für mich wie die Verzauberung der asiatischen Prinzessin Europa durch Zeus. Dieser verwandelte sich in einen Stier, um Europa zu imponieren und sie nach Kreta zu entführen, wo er das Land nach ihr benannte.