Nachgefragt bei Marcus Merkel 


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Bernstein beschäftige sich mehr als dreißig Jahre immer wieder mit „Candide“ – von der Uraufführung 1956 bis zur „Concert Version“ von 1989, in der „Candide“ auch zur Grazer Erstaufführung kommt. Wie hat sich sein Stil im Laufe dieser Jahrzehnte verändert?

Marcus Merkel  In diesen mehr als dreißig Jahren, die zwischen der ersten Broadway-Fassung (die, wie wir wissen, ein Flop war) und der „finalen revidierten Fassung“ (unserer Konzertfassung) liegen, hat Bernstein unzählige Werke dirigiert, aber auch einiges selbst komponiert. All diese Erfahrung fließt nun in seine Revisionen ein: Beispielsweise hat er unter dem Eindruck von Tschaikowskis Vierter Symphonie das Ende der berühmten Cunegonde-Arie „Glitter and Be Gay“ geändert, die nun mit rhythmisch eindringlichen Tutti-Akkorden schließt. Viel hat er auch an der Orchestration bearbeitet, die Reihenfolge im zweiten Akt umgestellt und interessanterweise nicht wenige Enden von Nummern verschärft.

 

„Candide“ ist, so wollen es Bernstein und seine vielen Textdichter, eine „comic operetta“. Was ist an „Candide“ komisch? Und was daran Operette?

Marcus Merkel  Nun, ich bin nicht sicher, ob wir „Candide“ mit einer klassischen Operette vergleichen sollten. Bernstein hat Elemente aus Oper, Operette und Musical zu einem unvergleichlichen Musiktheaterabend zusammengebracht, und mit „comic operetta“, neben der Tatsache, dass es sich um eine Komödie handelt, vielleicht damit den passendsten Titel überhaupt für eine neue Form amerikanischen Musiktheaters gefunden, die sich in ihrer Komplexität all diesen Etiketten anschmiegt, aber einem Schubladendenken doch verweigert.

 

Viele der Interpreten, die mit Bernstein zusammengearbeitet haben, beschreiben ihn gerne als die „Inkarnation der Musik“. Er „war“ aber nicht nur Musik, sondern hat auch über ein immenses Wissen über Musik verfügt. Welchen Stilen begegnen wir in „Candide“?

Wir begegnen – unter anderem! – Bach, Mozart, Beethoven, Brahms, Tschaikowski, Stravinsky, Johann Strauß Sohn, Richard Strauss, Britten, Copland, Belcanto, Grand Opéra, Tango, Gavotte, Walzer, Polka und Zwölftonmusik – jeweils als Reverenz oder als Parodie, aber in jeder Sekunde mit Leichtigkeit und Eleganz eingebunden in Bernsteins musikalischen Kosmos. „Candide“ ist scheinbar mit leichter Hand geschrieben.

 

Was hätten Sie ihn gerne während der Proben gefragt?

Marcus Merkel  Ob er nicht nach der Probe noch ein paar Stunden Zeit hätte, über Musik und über Gott und die Welt zu reden …