Diese große Ironie


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Sie haben bereits „Le Comte Ory“ dirigiert, in den Rossini viel Musik aus „Il viaggio a Reims“ einfließen hat lassen. Wie ist es nun, sozusagen endlich das „Original“ zu dirigieren? Ist die Kenntnis des nachgereichten Werks von Vorteil, oder sind die beiden Opern doch zu unterschiedlich?

Oksana Lyniv  Das ist ein großer Vorteil, dass ich schon viel Erfahrung mit dieser Musik habe. Ich vermute, Rossini zählte „Viaggio“ zu seinen musikalisch sehr erfolgreichen Stücken und wollte sich daher von diesem Stoff oder von seinen musikalischen Einfällen nicht einfach so verabschieden. Er wollte sie vielmehr in einem anderen, spannenden Sujet weiterverwenden. „Le comte Ory“ hat für mich deswegen Vorteile, weil Rossini da schon viel mehr Aktion mit seinem Librettisten erarbeitet hat. Es gibt da wirklich sehr spannende und lustige Situationen. Musikalisch gesehen hat er einige Sachen sogar noch verstärkt – zum Beispiel bei manchen großen Ensembles hat er den Solisten noch den Chor hinzugefügt. Das verstärkt die Brillanz, Üppigkeit und den außerordentlichen Esprit dieses Gesangs noch mehr. Aber es ist sicherlich wiederum auch sehr interessant, jetzt die ursprüngliche Version, „Il viaggio a Reims“, zu dirigieren, weil man da merkt, wie das Ganze überhaupt erst entstanden ist.

 

„Il viaggio a Reims“ ist ein „Dramma giocoso“, das davon erzählt, dass die Hotelgäste nicht und nicht abreisen können. Wie bringt Rossini in ironischer Weise seine Zuhörer zum Schmunzeln und zum Lachen?

Oksana Lyniv  In dieser Partitur kommt es häufig vor, dass, wenn ein Sänger eine ernsthafte Linie oder ein ernsthaftes Thema mit einem wichtigen Text zu singen hat, Rossini parallel dazu im Orchester viele lustige, kleine Kommentare bringt – wie zum Beispiel in den Bläsern, oder kleine Akzente in den Streichern –, dass man sofort diese große Ironie spüren kann.

 

Aus ihrer Not, das Hotel „Zur Goldenen Lilie“ nicht verlassen zu können, machen die Hotelgäste eine Tugend und präsentieren sich und ihre Länder musikalisch. Wie charakterisieren die einzelnen Solisten ihr Herkunftsland?

Oksana Lyniv  Ich finde wunderbar, dass Rossini in diesem Stück auf so viele nationale Elemente zugreift, wie zum Beispiel im französischen Lied, oder mit der deutschen Hymne oder dem spanischen Lied von Don Alvaro. Oder die Tirolese-Nummer, die ein wunderbares, kleines Juwel ist. Dazu kann ich nur sagen, dass, als wir diese mit dem Orchester zum ersten Mal in den Proben durchgelesen haben, wirklich jeder Musiker ein Lächeln im Gesicht hatte und alle sofort den Wunsch hatten, das beim Aufsteirern wieder einmal zu spielen!

 

Worin sehen Sie Rossinis Bedeutung?

Oksana Lyniv  Ich glaube, dass Rossini einer der markantesten Komponisten der Belcanto-Epoche ist, die dann mit den großen historischen Ereignissen zu Ende geht und in die romantische Oper übergeht. Oper war für ihn nicht einfach ein Unterhaltungsstück, sondern eine Spiegelung von gesellschaftlichen Ereignissen und Befindlichkeiten, Gedanken und Gefühlen. Ich glaube, dass die Gesellschaft damals so große Veränderungen erfahren hat, dass er sich mit seinen großen Stücken darin nicht mehr integrieren konnte. Ich glaube, dass das der Grund war, wieso er sich zurückgezogen hat.

Ich finde es ganz markant, dass Rossini sich dann viel später, 1860, mit Wagner getroffen hatte. Wagner hatte, als er in Paris war, den Wunsch geäußert, sich mit Rossini zu treffen, und da haben sie ein mehrstündiges Gespräch über die Zukunft der Oper geführt. Wagner hat sich sehr begeistert über seine Opern „Guillaume Tell“ und „Moïse“ geäußert. Wagner hat ihm aufgezeigt, welch musikalisch neuen Sachen er erfunden hätte. Rossini hat das am Ende selbstironisch kommentiert: „Ich wusste nicht, dass ich die Musik der Zukunft komponiert habe!“ Das finde ich irgendwie besonders an seiner Musik. Wagner zitiert übrigens Rossini in den „Meistersingern“! Beim Einzug der Schneider gibt es ein kurzes Zitat der Arie „Di tanti palpiti“ aus „Tancredi“. Das finde ich so spannend, dass Rossini einerseits aus eigener Entscheidung in seiner Musik so zurückblickt, aber anderseits so viele innovative Dinge schreibt. Und dass seine Musik so mitreißend ist. Egal für welches Zeitalter: Ich glaube, die Musik von Rossini wird nie alt!