Mutig, riskant leben!

Erste Gedanken zu Mozarts „Don Giovanni“ in Graz 2020 von Regisseurin Elisabeth Stöppler

 

DON GIOVANNI? NEIN, DANKE!
Schaue ich mir unsere Welt an, vermisse ich keinen Don Giovanni, brauche ihn weder im Bett noch am Frühstückstisch. Die Zeit der Casanovas, Gigolos, Machos und Sexprotze scheint vorbei zu sein, zumindest hat es Mann nicht mehr ganz so einfach bei den Frauen (und bei den Männern) und punktet nicht mehr nur noch durchs Allseits-Bereit-Sein, und sei es auch noch so charmant … Die Ansprüche scheinen gestiegen. Gleichfalls wird die Entscheidung für ein männliches oder weibliches Gegenüber für eine/n Liebes-, gar Lebenspartner/in immer schwieriger, dabei die Sehnsucht nach Verbindlichkeit, nach Lebensliebe immer größer! Wie diesem Dilemma entgehen und sich bis über beide Ohren einfach verlieben, mit aller Schwärmer- und Schmachterei, die dazugehört und nach der wir uns, Frauen wie Männer, seitdem wir denken können, sehnen?

ANNA, ELVIRA, ZERLINA
Die wirklichen Helden bei Mozart sind die Frauen, insbesondere diese drei, heftig und leidenschaftlich in ihrer Verzweiflung, ihrem Hass, ihrer Liebe. Allerdings: Alle wirken ruhelos, suchen sich in der Liebe, meinen, sich im anderen gefunden zu haben und straucheln, scheitern dann doch. Klassische Heldinnen sind das nicht – alle schwächeln, sind angezählt. Aber sie sind uns sehr nah, mir jedenfalls. Spüre jedenfalls viel Anna, Elvira und Zerlina in mir…

LEPORELLO, OTTAVIO, MASETTO

Da die Heldinnen, hier die Verlierer: die Männer neben Don Giovanni. Vielleicht gilt es ja eher, die Leporellos, Ottavios und Masettos unserer Zeit aufzuwerten und nicht immer wieder neben dem großen Casanova-Vorbild zu bloßen Karikaturen, ja Witzfiguren verkommen zu lassen? Ich finde Masetto anziehend in seiner Gradlinigkeit und Bodenständigkeit. Ottavio hat in seinem Zögern etwas betörend Durchlässiges, und Leporello, zwar feige, aber dafür ehrlich und authentisch hat eigentlich den größten Sex-Appeal – für mich!

DAS ENDE DER LIEBE? NEIN!
Eva Illouz beschreibt in ihrem Buch „Wie Liebe endet”, dass wir zwar sexuell immer kompetenter werden, aber mit unseren Gefühlen (echt? eingebildet? neurotisch?) überfordert sind. Dass Liebe zur Ware verkommt, die wir online auswählen, kurzfristig daten und dann langfristig wieder abstoßen. Da vermisse ich dann doch etwas Unpragmatischeres, Ausschweifendes, Riskant-Gefährliches in den Liebesdingen unserer Zeit! Dass wir etwas riskieren, wenn wir uns begegnen, dass wir mutig lieben wollen, wie alle oben genannten Frauen und Männer – auch Giovanni!

P.S. UND WAS IST DIESBEZÜGLICH EIGENTLICH MIT DEM KOMTUR?!?