Eine Annäherung an Joseph Beer

Mitte der 30er Jahre droht die Welt der Operette das Rampenlicht zu verlassen, fehlt es doch an jungem, frischen Wind, um mit dem Tonfilm und den Filmoperetten zu konkurrieren. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise werden Operettenbühnen geschlossen, in

Kinosäle verwandelt und die einstigen Operettengrößen wie Kálmán oder Lehár sind mittlerweile zwischen 50 und 60 Jahre alt und können nichts Neues aufbieten, das eine neue Tür aufzuschlagen vermag. Während sich in Deutschland und Österreich sanft der Staub auf die Kostüme der Operettendiven legt, drängt aus Amerika das poetisch aufgeladene Musical: Wie wird darauf das europäische Musicalbusiness reagieren, den Spagat der Genres vollziehen?

 

Hoffnungsvoll: Joseph Beer

Bereits als Kind musikbegeistert, talentiert soll der 1908 in Lemberg geborene Joseph Beer zunächst Jus studieren, doch nach kurzer Zeit bricht er dieses Studium ab und zieht nach Wien,um dort an der Staatsakademie Komposition zu studieren. Er schließt 1930, nachdem er vier Jahre Studium überspringen durfte, mit Auszeichnung ab und wird Dirigent an einem Wiener Ballett mit Tourneen durch Österreich und den Nahen Osten. Auf einer dieser Reisen begegnet er dem bereits berühmten und gefragten Librettisten Fritz Löhner-Beda, der Beers Talent erkennt und wie kein anderer fördern wird. Baut sich in Deutschland das düstere Geflecht der Ausgrenzung und Vernichtung jüdischer Bürger und Künstler auf, feiert am 31. März 1934 Joseph Beers erste Operette „Der Prinz von Schiras“ am Stadttheater Zürich

Eine Annäherung an Joseph Beer 10 umjubelte Premiere. Reagieren die Wiener Kritiken teilweise noch verhaltend, abwartend, brechen die Zuschauer vor Ort in Begeisterungsstürme aus, was Alfred Grünwald, den langjährigen Librettisten Emmerich Kálmáns, dazu bewegt beim nächsten Projekt mitwirken zu wollen: „Polnische Hochzeit“. In nur wenigen Wochen erschafft Joseph Beer, gemeinsam mit dem erfolgreichsten

Autorenduo der Wiener Operette, ein Werk, das nach seiner Züricher Uraufführung in acht Sprachen übersetzt und auf 40 Bühnen gespielt wird – und dies innerhalb der nächsten elf Monate: ein einschlagender Sensationserfolg! Am Landestheater Linz findet im November die österreichische Erstaufführung statt und am Theater an der Wien wird eine große Produktion mit Richard Tauber in der Hauptrolle des Boleslav geplant. Weitere Aufführungen

in London, New York und Paris werden bereits in den Zeitungen angekündigt, Joseph Beer erinnert sich viele Jahre später: „Infolge dieser erfolgreichen und glanzvollen, künstlerischen

Laufbahn, lebte ich in glänzenden, finanziellen Verhältnissen. In Wien wohnte ich in einer herrlichen Wohnung, die wirklich mit allem Komfort ausgestattet war. Ich hatte wertvolle Einrichtung, echte Teppiche, Kristall und Silber. Ich besaß einen eigenen Personenwagen,

Marke Steyr.“ Kritiker, Fachleuchte, Kollegen jubeln Beers Talent zu und prophezeien der Operette von morgen eine glorreiche Zukunft!

 

Düsterste Zeiten

Mit dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland kommt doch alles anders, denn Leben und Kulturlandschaft ändern sich in unvorstellbarer und kurzer Zeit. Sowohl Joseph Beer als auch seine Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda sind jüdischen Glaubens, ihre Werke gelten damit als entartet, sind nicht länger aufführbar. Alfred Grünwald und Joseph Beer schaffen im letzten Moment die Flucht ins Ausland. Bereits einen Tag nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, also am 13. März 1938, wird jedoch Löhner-Beda verhaftet und mit dem ersten „Prominententransport“ in das KZ

Dachau gebracht. Über das KZ Buchenwald wird der Künstler schließlich nach Auschwitz transportiert: „Löhner-Beda, vor wenigen Monaten noch eine der bekanntesten Persönlichkeiten Wiens gewesen, war hier in Buchenwald nicht mehr als eine Nummer, die

8504, und für das Leeren der Latrinen zuständig. Im Sommer 1942 wurden Löhner-Bedas Frau Helene und deren Kinder als Staatenlose ins KZ Maly Trostinec bei Minsk abtransportiert und mit anderen Juden vermutlich im sogenannten ‚Gaswagen‘ getötet.

Löhner-Beda erhielt darüber keine Nachricht. Er wurde nach Auschwitz überführt. Als Gefangener Nr. 68561 arbeitete er unter schlechtesten Bedingungen. Die dortige durchschnittliche Überlebensdauer von drei bis vier Monaten sollte er nicht erreichen.“ Am

  1. Dezember 1942 wird er in der Fabrik zu Tode getreten. Bis zuletzt hofft er vergebens auf Hilfe von seinem einstigen Freund und Kollegen Franz Lehár.

Joseph Beer flieht über Paris nach Nizza und lebt dort ab 1940 in verschiedenen Verstecken, mit der Angst entdeckt und doch noch deportiert zu werden. Beraubt des Ruhmes, der Anerkennung, in schmutzigen Verschlagen hausend, weit entfernt seiner Freunde, der Heimat, erfährt Beer von dem Tod seiner Eltern und seiner Schwester Susanne: Die Eltern kommen vermutlich im KZ Bełec, die Schwester wahrscheinlich in Auschwitz ums Leben.

 

Neues Leben?

Was wir durch Briefe und erhaltene Dokumente heute wissen, ist, dass Joseph Beer, trotz des unvorstellbaren Schmerzes Familie, Freunde, Kollegen verloren zu haben, der Heimatlosigkeit und dem Verlust der Sicherheiten, nicht aufhört zu komponieren, er hält weiterhin an der Musik fest. Nach dem Krieg verschafft er sich einen Überblick über seine Werke, die Verträge mit Bühnen und Verlagen, um an den einstigen Erfolg anknüpfen zu können. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass seine Tantiemen beschlagnahmt und potentielle Aufführungen durch den Verlag verhindert wurden und werden. Beer löst den Vertrag mit der Universal Edition, will seine Rechte als Komponist wieder geltend machen –

und das in einer Zeit, in der deutsche und österreichische Theater den jüdischen Künstlern nicht aktiv helfen, sondern in der Nachkriegszeit dazu beitragen, dass Werke wie die von Joseph Beer in Kellern verrotten. Auf der einen Seite hatte sich die kulturelle Landschaft verändert – man bricht mit der Tonalität und hält sich an Adornos Ausspruch: „Nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, – auf der anderen wird die Langspielplatte aufgelegt und den alt bewährten Melodien gelauscht, die die Schuld, den Krieg, die Toten vergessen machen: „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Champagner hat’s verschuldet“ dröhnen aus den Radios, erinnern an goldene, glückliche Zeiten – die jüdische

Beteiligung an diesen Werken, durch Librettisten wie Löhner-Beda, wird noch Jahrzehnte lang verleugnet werden. Joseph Beer kämpft nach Kriegsende für seine Werke, nimmt

Kontakt u. a. mit dem Bayerischen Rundfunk auf, schreibt Theaterdirektoren in Deutschland, Österreich, Schweiz und Schweden, reist durch Europa, doch seine Versuche, wieder gehört

und gesehen zu werden, scheitern und so erlebt er eine weitere schmerzhafte Erniedrigung nach dem Schrecken des Nationalsozialismus.

Sein Freund, der Librettist Robert Gilbert, schreibt ihm in den 70er Jahren: „Ich setz‘ dich auf ein Podest neben Beethoven, Rimskij-Korsakoff, Bartók und Alban Berg – aber ich kann nur anbetend davorstehen und weinen, dass i nix dazu tun kann. (…) Umarme mir die Deinigen und bleib‘ immer so stark, lebensfroh und wahrhaft genial wie du immer warst.

Shalom!

Dein Robert.“