Der Ohrwurm

Der musikalische Leiter Marius Burkert und Produktionsdramaturgin Marlene Hahn über den Reiz von Neuland und den großen Auftritt an Wegkreuzungen

 

Als du angefangen hast, dich mit Josephs Beer Operette „Polnische Hochzeit“ zu beschäftigen, was für ein Mensch, Komponist begegnete dir?

Marius Burkert  Ich habe schon oft sogenannte „Raritäten“ ausgegraben, allerdings meistens eben von sonst sehr bekannten Komponisten, deren Leben weitgehend dokumentiert ist. Bei Joseph Beer ist das anders, man weiß eigentlich sehr wenig über ihn. Die Musik der „Polnischen Hochzeit“ lässt uns einen sehr lebensfrohen, voller Humor sprühenden, tanzenden Geist in Joseph Beer erahnen. Mit ihm hätte ich mich sehr gerne bei einem Bier über die Zukunft der Operette, Stilmixe, Jazz … unterhalten. Er war ein aufstrebendes Genie! Ich denke, dass sein Leben nach dem Krieg in höchstem Maße von den schrecklichen Erfahrungen, welche er machen musste, geprägt war. Gerade am Sprung zur ganz großen Karriere, war er plötzlich vergessen und hat, so stelle ich mir das vor, nach 1945 nochmals einen völlig neuen Zugang zur Musik und dem Komponieren finden müssen. Aber wie gesagt, da gibt es noch sehr viel zu forschen.

Welche Musikstile erklingen in diesem Werk, das damals die Bühne im Sturm eroberte?

Marius Burkert  Tatsächlich ist die „Polnische Hochzeit“ ein Stilmix. Man hat das Gefühl, dass Beer aus seiner Zeit heraus gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft blickt. Es gibt schwermütige Lieder à la Kálmán, es gibt besonders interessante Melodramen – mehr als bei anderen Komponisten dieser Zeit – es gibt aber auch sehr folkloristische Chorszenen und nicht zuletzt richtige Jazznummern, da hat Paul Abraham bestimmt seine Spuren hinterlassen.

Welchen Reiz hat ein solches Werk, das all die Jahre vergessen war, und dass ihr jetzt mit Kraft und Glanz zurück auf die Bühne heben werdet? Wie unterscheidet sich diese Arbeit von den anderen?

Marius Burkert  Für mich haben solche Raritäten immer einen ganz besonderen Reiz, da man nicht auf eine umfangreiche Aufführungsgeschichte zurückblicken kann. Das bedeutet, man muss mit sehr viel Hausverstand das Notenmaterial sichten, und dann später wieder, dieses Mal zusammen mit den Musikern in der Orchesterprobe. Da stellen sich dann viele Fragen, die man nur lösen kann, wenn man die Möglichkeit hat, Dinge auszuprobieren. In der Theorie kommt man da nicht weit. Das ist mitunter sehr mühevoll, aber auch richtig spannend, wenn man am Ende zu einem interessanten Ergebnis kommt.

Lieblingsnummer, die du unter der Dusche trällerst?

Marius Burkert  Ich singe eigentlich nie unter der Dusche, aber manchmal auf dem Fahrrad. Da ist es schon mal passiert, dass ich an der roten Ampel völlig in Gedanken mit „Katzenaugen“ losgelegt habe. Das nennt man, glaube ich, Ohrwurm. Mein mit mir wartender Fahrradkollege hatte allerdings Kopfhörer auf, so konnte ich nur von seinem frierenden Hund einen kurzen Blick ernten.