Ausgegrabene Erinnerungen in Graz

Barbara Stelzl-Marx vom Ludwig Boltzmann-Institut hat die Geschichte des Lagers Liebenau in Graz erforscht.

 

Das größte Zwangsarbeiterlager der NS-Zeit in Graz war das Lager Liebenau. Wo befand es sich? Wer war im Lager Liebenau untergebracht?Das Lager Graz-Liebenau befand sich auf dem Areal südlich der Kirchnerkaserne und der Seifenfabrik, zwischen linkem Murufer und Kasernstraße. Spaziert man heute über den Puchsteg vom rechten zum linken Murufer, steht man vor dem ehemaligen Lagergelände. Dort, wo sich die Holzbaracken des Lagers befanden, findet man heute Wohnhäuser, Straßen, einen Kindergarten,Grünflächen oder jüngst auch ein Jugendzentrum. Der Puchsteg diente als Verbindungsweg zwischen dem Fabriksgelände der Steyr Daimler Puch AG und dem Lagergelände. Als das „Lager V“ in Liebenau 1940 angelegt wurde, diente es zunächst als Unterkunft für umgesiedelte „Volksdeutsche“. Später waren hier ausländische Kriegsgefangene und vor allem zivile Zwangsarbeiter untergebracht. In den 190 Baracken auf dem großenGelände fanden bis zu 5000 Personen Platz. Die meisten zivilen Zwangsarbeiter stammten aus der Sowjetunion, Frankreich, dem Protektorat Bhmen und Mähren, Italien und Griechenland.  Im April 1945, machten ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter auf Todesmärschen Richtung KZ Mauthausen im Lager Liebenau eine Zwischenstation, mindestens mindestens 34 wurden erschossen. Nach Kriegsende dienten die Einrichtungen unter der Bezeichnung „Am Grünanger“ als Flüchtlingslager.

 

War das Lager das einzige für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Graz?
In der NS-Zeit gab es im Grazer Stadtgebiet ein dichtes Netz von mindestens 36 Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager. Darunter waren große Einrichtungen, wie das „Lager V“ in Liebenau, aber auch solche, die nur eine Handvoll von Baracken umfassten. Es gab eigene Lager für Angehörige bestimmter Nationalitäten, wie etwa für sowjetische Kriegsgefangen in der Kehlbergstraße oder kroatische Zwangsarbeiter in der Eggenberger Straße. Viele große Unternehmen beherbergten bei ihnen eingesetzte Zwangsarbeiter in eigenen Lagern. So waren die Zwangsarbeiter der Lederfabrik Franz Riekh & Sohn in der Niesenbergergasse untergebracht, jene der Kettenfabrik Pengg-Waltenta in der Radegunderstraße.

 

Findet man heute noch Spuren der Lager in Graz?
Im Stadtbild von Graz gibt es – zumindest auf den ersten Blick – nur wenige Überreste der ehemaligen Arbeitslager. Spuren der damaligen Ereignisse kann man trotzdem ausfindig machen. 1947 wurden die Leichen von jüdischen Zwangsarbeitern, die im Lager Liebenau ermordet wurden exhumiert, 46 wurden anschließend in einem Grab auf dem Israelitischen Friedhof beigesetzt. Luftaufnahmen der US-Airforce und andere erhaltene Dokumente in österreichischen und alliierten Archiven geben Aufschluss über die Lager und die Geschehnisse dort. Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Liebenau ist noch der Keller einer ehemaligen Wirtschaftsbaracke erhalten. Dieser steht nun unter Denkmalschutz.

 

1947 machten Geschehnisse im Lager Liebenau noch einmal Schlagzeilen. Was war passiert?
Kurz vor Kriegsende diente das Lager Liebenau als Zwischenstation der Todesmärsche ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter vom „Südostwall“ in Richtung Mauthausen. Todkranken wurde Verpflegung und medizinische Behandlung verweigert, obwohl Lebensmittel und Medikamente vorhanden waren. Mindestens 34 der jüdischen Zwangsarbeiter wurden im Lager erschossen und verscharrt. Rund 50 Leichen wurden 1947 exhumiert. 1947 wurde vier Lagerverantwortlichen in Graz der Prozess gemacht. Der ehemalige Lagerleiter Nikolaus Pichler und sein direkter Untergebener Alois Frühwirt wurden zum Tod verurteilt und am 15. Oktober 1947 in Graz gehenkt.

 

 

2011 rückte das Lager Liebenau nach Jahrzehnten wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Wie kam das?
Das Sozialmedizinische Zentrum Liebenau versuchte, die Erinnerung an das Lager Liebenau wach zu rütteln, die aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt so gut wie verschwunden war. Im Zusammenhang mit dem geplanten Murkraftwerk erhielt das Lager plötzlich politische Brisanz: In der Nähe der geplanten Staustufe hatte sich das größte Grazer NS-Zwangsarbeiterlager in Graz befunden. Es stellte sich die Frage, ob eventuell auf diesem Areal noch weitere Todesopfer begraben waren. Die schrecklichen Ereignisse, die sich hier zu Kriegsende  ereignet hatten, rückten durch Berichte in der Kleinen Zeitung und anderen Medien ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Stadt Graz und die Energie Steiermark gaben daraufhin eine Studie beim Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Auftrag, um dieses dunkle Kapitel der Grazer Zeitgeschichte aufzuarbeiten. 2018 wurde zudem die Ausstellung „Lager Liebenau: ein Ort verdichteter Geschichte“ im GrazMuseum eröffnet. die gemeinsam mit einem Ausstellungskatalog komprimierte Hintergrundinformationen liefert.

 

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