Giacomo Puccini hat sich mehrfach musikalisch mit den USA auseinandergesetzt: In »Madame Butterfly« hintergeht der amerikanische Offizier Pinkerton die junge Cio-Cio-San; im Opern-Western »La fanciulla del West« erleben wir Verwicklungen um Macht und Liebe in Kalifornien. Schon in seiner ersten erfolgreichen Oper »Manon Lescaut«, uraufgeführt 1893 in Turin, setzt sich Puccini mit Amerika auseinander.
Dabei geht die Oper auf einen Roman zurück, der lange vor den USA entstanden ist. Abbé Prévost hat 1731 die Geschichte publiziert, in der ein junges Mädchen zwischen freier Liebe und Verlangen nach Luxus aufgerieben wird und schließlich in Amerika ihr Leben aushaucht. Nach einer bewegten Biographie der Abhängigkeiten als unschuldige Klosterschülerin und laszive Geliebte, luxusverwöhnte Göre und träumerische Frau, kokette Naive und verurteilte Melancholikerin wird Manon nach Amerika verschifft, wo sie sich mit der Versicherung erschöpft, dass ihre Liebe nicht sterben werde ...
Als Giacomo Puccini den Roman vertonte, existierten bereits musiktheatrale Versionen von Auber, Halévy und Massenet – Henzes »Boulevard Solitude« wird den Stoff dann ins 20. Jahrhundert führen. Die Vertonung von Puccini war bezüglich des Librettos eine Herausforderung, da der Komponist mit keinem einverstanden war – so haben acht Librettisten an dem Material gearbeitet, und in der Erstausgabe wird schließlich keiner mehr genannt. Die Magie von »Manon Lescaut« manifestiert sich in Musik.
Musikalische Leitung: Michael Boder | José Miguel Esandi
Inszenierung: Stefan Herheim
Bühne: Heike Scheele
Kostüme: Gesine Völlm
Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach | Birgit Amlinger
Chor: Bernhard Schneider
Vor der Premiere
Sonntag, 23. September 2012, 11.00 Uhr, SPIEGELFOYER
Premiere
Samstag, 6. Oktober 2012, 19.30 Uhr
Vorstellungen
6.10., 10.10., 12.10., 17.10., 21.10. (15.00 Uhr), 27.10., 4.11. (15.00 Uhr), 8.11., 18.11. (18.00 Uhr), 24.11., 30.11., 14.12. und 20.12.
Beginn jeweils 19.30 Uhr, sofern nicht anders angegeben
Pressestimmen
So aufregend, so packend, so herausfordernd und dabei so betörend kann Musiktheater auch sein. Zumindest an der Oper Graz, wo Regisseur Stefan Herheim zum Auftakt der neuen Spielzeit Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ einer szenischen Frischzellenkur unterzieht. Mit Erfolg. Denn Herheim Deutung der Geschichte (...) ist in sich stimmig und überwältigt dank grandioser Bilderfluten.
(..) Freiheit gibt es bei Herheim keine. Weder in der Liebe, noch in Amerika, das allgegenwärtig ist. Heike Scheele hat den raumfüllenden Kopf der Freiheitsstatue samt Sternenkranz, Fackel und Unabhängigkeitserklärung auf die Drehbühne gestellt; toll auch die perfekt zwischen den Epochen changierenden Kostüme von Gesine Völlm.
(..) Dass sich all das ausgeht, liegt auch an Herheims brillanter Personenführung und an den Sängern. So ist die Sopranistin Gal James ein vokal wie darstellerisch ergreifende Manon, so bleibt der Tenor Gaston Rivero seinem Des Grieux nur wenig Strahlkraft schuldig. Sehr gut auch der Chor und das übrige Ensemble; ein Ereignis aber Dirigent Michael Boder und das groß aufspielende Orchester. Graz ist wieder wirklich eine Reise wert. Jubel.
Peter Jarolin, Kurier
Wunderbar, wie Michael Boder am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters die Klangmischungen hörbar macht, dazu kommt eine ideale Besetzung. Gal James wirft sich mit Wucht und perfektem Verzweiflungsmelos in die Manon-Schlacht. Gaston Rivero gibt dem Jungspund Des Grieux auch ein paar reifere Töne mit. Dazu noch Wilfried Zelinkas wütend orgelnder Geronte, Javier Franco als Bruder Manons und die brillante Dshamilja Kaiser als Madrigalistin sowie die von Bernhard Schneider einstudierten Chöre – musikalisch also alles sehr gut in Graz. (...) All das könnte nun unglaublich platt und konstruiert daherkommen, doch Herheim gelingt es, trotz diverser konkreter Zuordnungen einen kreativen Rest Unordnung zu bewahren. Es gibt auch bei dieser Produktion erneut jenes ganz besondere Ineinanderfließen eigentlich völlig unterschiedlicher Zeiten und Motive. (..) Im März schmachtet und stirbt Herheims Manon Lescaut übrigens an der Elbe, die Semperoper hat koproduziert, und Christian Thielemann widmet sich dem Meister des Herzschmerzes. Ob er das wirklich schmelzender hinbekommt als Michael Boder, bleibt abzuwarten.
Jörn Florian Fuchs, Frankfurter Allgemeine Zeitung
(...) Wir sind beim Bau der Freiheitsstatue, die in Einzelteilen nach Amerika verschifft wurde. Eine hübsche historische Pointe: Der Konstrukteur des Eiffelturms war der Ingenieur des aus Eisenfachwerk bestehenden Innenlebens der das Licht der Aufklärung und Hoffnung spendenden Lady. Am Rande der von Heike Scheele gestalteten Bühne: ein Modell der Statue mit einzusetzenden und bei Bedarf zu entfernenden Platten über dem Metallgerippe. Imponierend das Großformat: der Riesenschädel und die Fackel, die monumentale Tafel und Baugerüste sind klug genützte begehbare Elemente, um einen geistigen, emotionalen Raum zu schaffen.
Auch die Kostüme von Gesine Völlm, sei’s im Rokokostil samt Reifrock und Puderperücken, sei’s die Bürgermode des Fin de Siècle in ihrer zugeknöpften Laszivität, bereiten ästhetisches Vergnügen und verdeutlichen Herheims Interpretation. Zudem hat der Regisseur einen stummen Herrn, der bei sonstigen "Manon"-Aufführungen naturgemäß fehlt, ins Geschehen eingefügt: Maestro Puccini (János Mischuretz) im dunklen Mantel, meist mit Melone auf dem Kopf und der ewigen Zigarette im Mundwinkel. Das wichtigste Requisit: ein schwarzer Band – der Roman von Prévost, in dem sämtliche Beteiligte nachschlagen, um zu wissen, was Sache ist.
All das klingt in der Theorie verlockend, die Praxis könnte indes schiefgehen, zur blassen Kopfgeburt verkommen. Gottlob verhindern das Herheims außerordentliche szenische Intelligenz und die Genauigkeit seiner bis ins kleinste Detail choreografierten Personenführung. Gesten und Mimik sind manchmal beinah Richtung Stummfilm gesteigert. Bewusst und zu Distanzierungszwecken hebt die Regie das Opernhafte – auch mittels à la Hollywood glitzernden Sternenhimmels – hervor.
Überzeugend die Mehrfachbesetzungen: Taylan Reinhard als Des Grieux’ Freund Edmondo und als Laternenanzünder; Wilfried Zelinka ist sowohl der lüsterne reiche Steuerpächter Geronte, der seine Mätresse Manon, die mit Des Grieux zu flüchten versucht, hinter Gitter bringt, als auch der brutale Sergeant, der die zusammengetriebenen leichten Mädchen für den Zwangstransport in die amerikanische Strafkolonie aussortiert.
Eben dieser dritte Akt und das Finale gelingen besonders eindrucksvoll: Mit dem Rücken zum Saal hängen die weiblichen Häftlinge wie gekreuzigt in den Seilen des Gefängnisses, später wird ein bunt gemischtes Gafferpublikum von den hölzernen Rängen herab Manons langsames Sterben mitverfolgen, während durch einen Gazeschleier der Freiheitsstatue in Goldlicht getauchtes Gesicht bedrohlich schimmert, als wär’s ein mörderisches Götzenbildnis.
Ungemein geschickt agiert Puccinis Doppelgänger auf der Bühne, gleichsam als Inszenator und Gefühlsdirigent der von ihm erfundenen Gestalten. Packend, wie sich Manon (stimmlich glänzend: die israelische Sopranistin Gal James) zum Schluss von ihrem Schöpfer emanzipiert, ihn sogar souverän in die Schranken weist: Die schöne Galathée gibt Pygmalion den Laufpass. Er muss zurückweichen, hat bloß die Macht, den Operntod über sein Fantasiegeschöpf zu verhängen. Doch wenn er das Urteil mit einer knappen Geste vollstreckt, scheint auch ihm das Herz zu brechen. Gaston Riveros darstellerisch ausgezeichneter Des Grieux, dessen viriler, nicht wirklich strahlender Tenor sich vor allem in der Verzweiflungsarie "Guardate, pazzo son" bewährt hat, zieht den Vorhang zu.
Stefan Herheim besitzt die leider seltene Gabe, Musiktheater in eine bezwingende Abenteuerreise durch Ideen und Assoziationen zu verwandeln, zu Genuss und Belehrung der Zuschauer. Nichts ist da beliebig oder auf billige Verblüffungseffekte hin angelegt. Michael Boder am Pult animiert das Grazer Philharmonische Orchester zu mitreißenden Puccini-Klängen: entschlackt und betörend zugleich, schlank und scharf und transparent noch im Wuchtigen. Trotz veristischer Expressivität reiner Belcanto der Instrumente. Bravi!
Ulrich Weinzierl, Die Welt
Herheims surreales Theater stellt lieber Fragen, als Antworten zu geben: Was sagt es über unsere Realität aus, wenn Künstler solche Frauen imaginieren? Warum lässt man das, was man idealisiert, sterben? Was ist aus der Freiheit geworden und war diese immer nur eine schöne Fiktion? Das wäre freilich alles nicht interessant, wäre es nicht zugleich spannend gemachtes Theater: Präzise wird auf die Musik gehorcht, die szenischen Übergänge sind technisch brillant gelöst, der (starke) Chor exzellent geführt, und nur selten sieht man Sänger dermaßen gut schauspielen. Dass der Abend gelingt, ist freilich auch Michael Boder zu verdanken. Der Dirigent hat mit den ausgezeichnet klingenden Grazer Philharmonikern eine sorgfältige, niemals zu reißerische Interpretation erarbeitet. Die Rokoko-Anspielungen kommen in aller Duftigkeit, Boder bietet herrlich Lyrismen und lässt im vierten Akt trauerverhangenes Edel-Sentiment blühen. (...) Gal James bringt als Manon eine ihrer allerbesten Leistungen: facettenreich vom Launischen bis zum Tragischen, mit jugendfrischer, lyrischer Stimme. (...) Gesine Völlm hat wunderbare Belle Époque-Kostüme gefertigt, die nur eines der Schmiermittel sind, die Herheims großartige Bildmaschine am Laufen halten.
Martin Gasser, Krone
...Herheims Deutung ist also voll von mitgestaltender Subjektivität. Alles inszenatorische Fantasieren und Extrapolieren des eigenen Ideenkosmos wird jedoch diszipliniert und legitimiert durch eine handwerkliche Bewussthein, die an keiner Stelle Routine und Zufall gestattet. Es ist wie immer bei Herheim: Der Dialog zischen optischen und szenischen Elementen produziert ein Gesamtkunstwerk von energetischem Zauber. Und: An Szenedetails ist immer die Anbindung an die musikalischen Vorgänge zu erkennen. (...) Gal James singt formidabel, schafft es, die expressiven Passagen ebenso mit Glanz auszustatten wie die intimen. (...) Und schließlich das Orchester: Unter Dirigent Michael Boder entfaltet es Energie und klangliche Differenzierung.
Ljubisa Tosic, Der Standard