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Pressestimmen zur LUSTIGEN WITWE

18. November 2014

Amüsierfreudige in ernsthaftem  Schwarz
Wie schafft man es, ein Stück Unterhaltungstheater schmackhaft zu machen, dessen Handlung und Dialoge so gar nicht zeitgemäß sind, ohne seinen Anspruch zu verlieren? Keine neue Frage. Olivier Tambosi, viel  geschätzter Regisseur der prallen Ideen und saftigen Umsetzungen, geht „Die lustige Witwe“ - einst prickelnd erotische, von den Spannung zwischen Zwang und Freiheit lebende Operette – in der Oper Graz mit optischer Opulenz, aktuellen Anspielungen und Verbaler Vorsicht an. Und gibt den Ball oft ans Publikum ab. Dabei hilft ihm die spektakuläre Art-déco-Bühne von Andreas Wilkens, die über den Orchestergraben hinweg in den Zuschauerraum reicht. (…) Diese Bühne ist dazu angelegt, das Publikum miteinzubeziehen, die Auftritte erfolgen durch den Zuschauerraum, die Grisetten fordern die Herren aus den Sitzreihen zum Tanz auf. Beim „Weibermarsch“ sollen die Damen im Publikum eine neue Strophe singen. Dass die Operette als Unterhaltungsgenre einer vergangenen Epoche Selbstreflexion braucht, weiß Tambosi und legt sie Njegus in den Mund: Mit treuherzigem Charme plaudert Publikumsliebling János Mischuretz über das „Tschuschendeutsch“, erwähnt politisch unkorrekte Formulierungen des Originals und Hitlers Präferenz der „Lustigen Witwe“. (…) Die temperamentvolle Christiane Boesiger, als „moderne“ Frau konzipiert, verkörpert Hanna Glawari und beeindruckt durch stimmliche Vielseitigkeit. (…) Ivan Oreščanin verfügt über einen angenehmen Bariton (…). Tenor Mark Milhofer als  ihr (Valenciennes) Verehrer Rosillon macht als Tänzer gute Figur. Götz Zemann ist ein souveräner Baron Zeta. (…) (Der Standard)

 

Die Haut zu Markte tragen
Njegus, der gewitzte „Kanzlist bei der pontevedrinischen Gesandtschaft in Paris“,  ist in der der Neuinszenierung von Franz Lehárs „Lustiger Witwe“ in der Grazer Oper mehr als nur der zum gefinkelten Strippenzieher avancierte Komiker. Er tritt auch als Wirtschaftsexperte auf, der mit seinem Feuerwerk aus Fachausdrücken den gesandten und das Publikum in Erstaunen versetzt. János Mischuretz, der aus den ihm zugeschanzten Zusatztexten viel Kapital schlägt, gelingt auch das ganz ausgezeichnet. (…) Dass einmal mehr das Duett vom „Zauber der Häuslichkeit“ dem Rotstift zum Opfer fiel ( an seiner Stelle wurde das für Fritzi Massary nachkomponierte Lied „Ich hol‘ dir vom Himmel das Blau“), ist bedauerlich, weil Sieglinde Feldhofer als Valencienne Sinnlichkeit, Koketterie und gespielte Unschuld perfekt in Balance hält und Mark Milhofer als Camille de Rosillon mit seinem hell timbrierten, geschmeidigen und höhensicheren Tenor nicht nur seine Angebetete betört. (…) Götz Zemann zeigt als Mirko Zeta gute alte Schule, Ivan Naumovski gelingt als Cascada ein bemerkenswertes Hausdebut. (Kleine Zeitung)

 

Ein rundum erfreulicher Abend zeitgemäßer Operettenkultur!
Das Inszenierungsteam um Olivier Tambosi hat das Stück als Revue auf die Bühne gebracht. Es wurde der gesamte Orchestergraben überbaut und damit die Aktion ganz nahe an das Publikum herangeführt. Das Orchester war auf der Hinterbühne auf einer Drehscheibe postiert – ein über dem Orchester montierter riesiger Spiegel sorgte nicht nur für optisch reizvolle Bilder, sondern auch für akustisch gebündelten Klang. Natürlich ist diese Aufstellung für den Dirigenten nicht einfach, aber Marius Burkert  hat diese Situation mit den ausgezeichnet disponierten Grazer Philharmonikern hervorragend gemeistert und sorgte nicht nur für eine sichere Koordination, sondern auch für schöne Klangvaleurs. Die Aufstellung hatte auch den Vorteil, dass die Solisten diesmal nicht elektronisch verstärkt wurden und damit auch akustisch dem Publikum wesentlich näher waren als sonst. Der Stufenaufbau über dem Orchestergraben diente als variable Spielfläche, die wenigen Versatzstücke, ja selbst eine kleine Combo (Keyboard, Bass und  drums), Chor und Ballett wurden auf beweglichen Bühnenelementen hereingeschoben und verschwanden wieder. Alles war in stetiger Bewegung, ohne dass dadurch ungebührliche Unruhe entstand – ein kluge Lösung, die die Grazer Bühnentechnik bravourös bewältigte.
Die Nebenrolle des Kanzlisten  Njegus in der pontevedrinischen Botschaft und Adlatus des Gesandten wurde in dieser Grazer Inszenierung zum Drahtzieher und Kommentator des Geschehens. Ihm waren auch die aktualisierten und durchaus vergnüglichen zeitkritischen Texte zugefallen (…) János Mischuretz ist ein erfahrener Bühnenmensch, der diese zentrale Rolle exzellent verkörperte – da stimmte einfach alles und zu Recht zählte er am Ende zu den am meisten akklamierten Protagonisten. Götz Zemann ist ein Urgestein der Grazer Operettenszene. Er war schon in den letzten drei Grazer Inszenierungen der „Lustigen Witwe“ der Baron Zeta und versteht es glaubwürdig, die Balance zwischen einem vertrottelten und vermeintlich betrogenen Ehemann und einem geachteten Diplomaten zu wahren. Wenn Zemann und Mischuretz gemeinsam auf der Bühne stehen, erlebt man blutvolles und zeitgemäßes Operetten- bzw. Revuetheater.
Aber auch die zahlreichen anderen kleineren Figuren des Stücks sind diesmal hervorragend besetzt. Bei den Herren brilliert Martin Fournier als Raoul de St.Brioche, und es  lässt der junge Mazedonier Ivan Naumovski als Vicomte Cascada mit prägnantem Bassbariton aufhorchen. Typengerecht und spielfreudig sind  auch die übrigen der Männerriege:  Dietmar Hirzberger, István Szécsi und Umut Tingür – alle gemeinsam wahrhaft ein ideales k.und k.-altösterreichisches Nationengemisch! Ebenso hervorragend und operettenerprobt  sind die Damen Fran Lubahn , Uschi Plautz und Hana Batinic . Und dann gibt es natürlich auch in der „Lustigen Witwe“ das für die Gattung der Operette so typische „zweite Paar“. Auch diese beiden Rollen sind exzellent besetzt: Sieglinde Feldhofer, im Vorjahr mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis als „Beste Nachwuchskünstlerin“ gewürdigt,  ist eine reizend-natürliche Valencienne, die die nötige erotische, nie derbe Ausstrahlung hat, durch ausgezeichnete Textdeutlichkeit auffällt und die sich auch in den Ensembles profiliert und höhensicher behauptet. Camille de Rosillon ist der erstmals in Graz auftretende Engländer Mark Milhofer, dem es gelingt, die exponierte Partie mit allen Spitzentönen stimmlich brillant zu meistern und gleichzeitig einen überspannt-skurrilen Charakter glaubhaft auf die Bühne zu stellen. (…) Chor und Ballett waren erfrischend lebhaft und engagiert im Einsatz und waren ein wesentlicher Teil des insgesamt sehr positiv aufgenommenen Abends.
Und damit komme ich nochmals zur Inszenierung: Olivier Tambosi und seinem Team ist eine in sich geschlossene Gesamtleistung gelungen – da war klassische Operette geschickt mit zeitgemäßen Revue-Elementen  verbunden und es gelang sogar, das Premierenpublikum zu aktivieren. Einige Damen und Herren aus dem Publikum wagten sich tatsächlich auf das Tanzparkett und so manche der  Damen im Publikum sang mit, als die weiblichen Gesangssolistinnen animierten, im Sinne  der Gleichberechtigung in den umgedichteten Weibermarsch einzustimmen: „Ja, das Studium der Männer ist schwer“. Die in das über hundert Jahre alte Original eingefügten Späßchen waren übrigens nie peinlich und trugen das Ihre dazu bei, dass  ein niveauvoller Abend heiteren und zeitgemäßen Musiktheaters zu erleben war, an dem es am Ende für alle begeisterten Beifall gab. Das wird bei den nächsten Aufführungen volle Häuser bringen! (Der Opernfreund)