Nachgefragt bei Marco Comin


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Hundert Jahre nach der Uraufführung kommt endlich Giacomo Puccinis „La Rondine“ („Die Schwalbe“) zur Grazer Erstaufführung. Während die Proben unter der energiegeladenen Regie von Rolando Villazón auf den Premierentermin am 12. Jänner 2017 zusteuern, hat der musikalische Leiter Marco Comin Zeit gefunden, mit Dramaturg Bernd Krispin über den besonderen Zauber und reizvollen Charme dieses Stücks und zugleich die Bitterkeit einer unerfüllten Liebe zu sprechen.

Was ist das Charakteristische am Konversationston dieses Stücks, das ursprünglich zwar als Operette geplant war, das dann aber eine vollblütige, durchkomponierte Oper wurde?

Die Leichtigkeit und Lebendigkeit – sowohl im Umgang mit der Sprache als auch in der Musik – erklärt sich aus dem Stoff, der nicht so tragisch ist wie Puccinis andere Opern. Zwar ist das Ende von „La Rondine“ bitter und melancholisch, aber eben nicht tragisch. Da also der Stoff anders geartet ist, ist es auch notwendig, mit der Sprache anders umzugehen, und zwar leichter. Eine solche Leichtigkeit findet man aber schon in den ersten beiden Bildern von „La Bohème“ und wird man dann später auch in „Gianni Schicchi“ feststellen können.

 

Magda, die Schwalbe im goldenen Käfig des reichen Bankiers Rambaldo, sehnt sich danach, noch einmal Glück empfinden zu können, ohne dass Geld im Spiel ist. Wie beschreibt Puccini die Sehnsüchte, aber auch die Zweifel dieser Frau?

Puccini gelingt es, mit ganz wenigen Mitteln durch seine Musik eine Situation perfekt zu beschreiben. Sofort weiß der Zuschauer, wenn eine Szene melancholisch, spannend oder lustig gemeint ist. Sicher ist in diesem Zusammenhang die Orchestration wichtig, aber um eine Situation so präzise und klar zu umreißen, da spielt beispielsweise auch die Harmonie eine primäre Rolle. Schubert übrigens hat auch diese Fähigkeit, so rasch eine Situation zu schildern.

Der Walzer, der im ersten Akt Magdas Erzählung vom Tanzvergnügen in ihrer Jugend unterlegt, ist völlig anders als der Walzer im zweiten Akt, wenn wirklich getanzt wird. Mit zarten Farben malt er melancholische, nostalgische und zärtliche Stimmungen, und mit vehementen Gesten und starken Farben schildert er im dritten Akt die Verzweiflung.

 

Puccini hat auch eine Version des Schlusses komponiert, in dem Ruggero Magda verlässt, sobald er über ihre Vergangenheit Bescheid weiß.

Und diese Version ist auch die uninteressanteste, weil zu konventionell. Denn es ist für den Zuschauer viel schmerzlicher mitzuerleben, dass am Ende des Stücks niemand stirbt, aber dass Magda nicht den Mut hat, das Geld hinter sich zu lassen und bei Ruggero zu bleiben. Diesen Schritt schafft sie nicht. So ist dieser Schluss vielleicht noch grausamer als der von „La Bohème“, denn der Tod hat dort auch etwas Befreiendes. In „La Rondine“ aber lebt Ruggero im schmerzhaften Wissen weiter, dass Magda weiterlebt, aber dass er nicht mit ihr leben kann. Das ist bitter!