Fünf Fragen an Anna Brull


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Nach einigen Hosenrollen in Mozart-Opern singen Sie mit der Rosina eine ganz wichtige Frauenrolle. Was macht mehr Spaß? Die Hosen anzuhaben, oder ganz Frau sein zu dürfen?

Mir haben Hosenrollen immer Spaß gemacht, weil sie meiner Stimme und meinem Temperament entgegenkommen. Ich liebe Barockmusik und das Repertoire, das einst Kastraten gesungen haben, ich liebe aber auch Koloraturen und Bravour-Arien. All das findet sich in Rosina wieder, die meine erste große Rolle ist. Während der sechswöchigen Probenzeit habe ich durch Rosina eine ganze Menge über meine eigene Weiblichkeit lernen können.

 

Rosina ist nie um einen Trick verlegen, um ans Ziel zu kommen. Woher weiß denn ein junges Mädchen schon so viel vom Leben?

Rosina ist ein Waisenmädchen, das zwar eine Erziehung genossen hat und das auch über Geld verfügt, das aber nie jemanden hatte, der sich wirklich um es gekümmert hat. So musste Rosina sehr schnell lernen, auf sich selbst aufzupassen. Sie kennt die Spielregeln und weiß, wie sie das, was sie will, auch bekommt.

 

Wie viel Spanien steckt denn im „Barbier von Sevilla“?

Es sind etliche spanische Klischees zu finden, beginnend mit Figaro. Bis ins 20. Jahrhundert hat der Adel einem Barbier, der u. a. ja auch Zahnarzt war, mehr vertraut als einem Arzt, der auf einer Universität studiert hat.

Ganz typisch für Spanien ist der Balkon, von dem aus Rosina den Grafen beobachtet, ohne selbst gesehen zu werden. Eine solche „celosía“ gibt es auch heute noch in Spanien.

 

Haben Sie sich je vorstellen können, einen anderen Beruf als den der Sängerin auszuüben?

Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und wollte als Kind Zoowärterin im Ebro-Delta werden. Dann hatte ich das Glück, bei der großen, chilenischen Pianistin Edith Fischer studieren zu können, durch die ich erkannt habe, dass man seine Leidenschaft auch zum Beruf machen kann. Während des Klavierstudiums habe ich festgestellt, dass ich durch den Gesang leichter mit den Menschen kommunizieren kann, und bin also meiner Berufung gefolgt. Meiner Lehrerin Amelia Felle bin ich dankbar, dass sie mir geholfen hat, mich künstlerisch weiterzuentwickeln.

 

Sie sind in Katalonien aufgewachsen und haben in Apulien studiert. Vermissen Sie in Graz den Süden?

Natürlich fehlt mir meine Heimatstadt, ich vermisse den Geruch des Meers und das Säuseln einer Sommerbrise auf einem Boot. Aber hier in Graz habe ich vieles kennengelernt, was es in Katalonien nicht gibt. Hier habe ich meine ersten Weihnachten mit Glühwein und Schnee erlebt, und hier erfreue ich mich an den Farben im steirischen Herbst und an der magischen Stille in einer Winternacht, wenn der Schnee fällt.