Drei Fragen an Franz Gürtelschmied


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Franz Gürtelschmied, der als Tony in der „West Side Story“ sein Debut in Graz gibt, hat für seine neue Rolle eigens auf einer originalen New Yorker Feuertreppe geübt, wie er am Tage vor der Wiederaufnahme dem Dramaturgen Bernd Krispin verraten hat.

 

Leonard Bernsteins Musical-Klassiker „West Side Story“ ist mitten in New York angesiedelt. Was ist Ihr schönstes New-York-Erlebnis? Oder geht es Ihnen wie dem großen Udo Jürgens, der gesungen hat: „Ich war noch niemals in New York“?

Nein, in diesem Fall singe ich nicht mit Udo Jürgens. Zum Glück konnte ich in dieser spannenden, pulsierenden und so vielfältigen Stadt schon mehrfach unvergessliche Aufenthalte verbringen. Doch dieser Tage ist mir natürlich ein Erlebnis besonders nah: Ich erfuhr vom Engagement als Tony an der Oper Graz just – in New York, im Jänner 2016. Und jetzt kommt’s: In der Nacht darauf brannte es im Keller des Apartmenthauses, in dem ich im obersten Stock wohnte. Geweckt von dickem Rauch und Feueralarm, zertrümmerte ich das Fenster und konnte über die in New York üblichen Feuertreppen, die ja auch in unserer Inszenierung zentrales Bühnenelement sind, hinunterklettern. Jedenfalls weiß ich nun wirklich, wie man sich darauf bewegt – das nennt man dann wohl „Method acting“ …

 

Sie haben schon Oper, Operette und Musical vom Barock bis zur Gegenwart gesungen und verfügen also über eine große stilistische Bandbreite. Was ist das Herausfordernde an der Musik von Leonard Bernstein?

Die Ehrlichkeit im Ton. Der Stoff ist uns allen mehr als bekannt. Davon muss man sich als Sängerdarsteller lösen, denn ich muss es in jeder Vorstellung erneut schaffen, die Entwicklung meiner Rolle – durch meine Gedanken, Gefühle und Einflüsse meiner eigenen Person – neu zu durchleben. Eine glaubhafte, individuelle Figur stellt sich nur durch ehrliche innere Auseinandersetzung ein und das bedingt bzw. wirkt wechselseitig mit dem Einsatz der Stimme in Gesungenem wie Gesprochenem.

Bernsteins Musik sowie die geniale Dramaturgie des Stückes legen den Finger genau auf die Wunde. Tony und Maria agieren musikalisch und szenisch auf einer anderen Ebene als die anderen. Bernstein schrieb für Tony große Bögen und Legato-Phrasen, teilweise in belcantesker Tenorlage, dadurch bringt mein Stimmtimbre als Opernsänger eine weitere Farbe zur musikalischen Herauslösung aus der brutalen West Side ein. In sanften Passagen profitiere ich auch enorm von meiner intensiven Beschäftigung mit dem Liedgesang. Jede Note in diesem Stück bebt vor Dramatik und suggeriert die Spannungen der Bandenkriege einerseits, sowie die Möglichkeit von Harmonie und friedvollem Zusammenleben – vorgelebt durch zwei junge, naiv Liebende – auf der anderen Seite. Das ergibt eine enorme Fallhöhe.

 

Die „West Side Story“ ist Ihre erste Produktion an der Oper Graz. Hatten Sie während der Probenzeit Gelegenheit, etwas von Graz zu sehen und vielleicht auch den einen oder anderen Lieblingsplatz zu entdecken?

In den Wäldern zwischen der Ragnitz und Maria Trost habe ich herrliche Laufstrecken entdeckt. Und ich bin stolz darauf, den längeren Aufenthalt in der wunderschönen Stadt zum Anlass genommen zu haben, mir endlich ein neues Crossbike geleistet zu haben. Damit erkunde ich Plätze, Parks und Viertel, aber auch auf größeren sportlichen Touren den Schöckl oder den Verlauf der Mur. Draußen in der Natur ist der beste Ort, den Kopf freizukriegen und neue Ideen für meine Rollen entstehen zu lassen. Außerdem muss ich im Training bleiben, da mir der Tony einiges an Kondition abverlangt.